10 Tage Schweigen – wie war das so?

Die ersten gesprochenen Worte nach 8 Tagen des Schweigens, ich spreche sehr achtsam und ruhig aber gleichzeitig schlägt mein Herz bis zum Hals. So über viele Tage schweigend zu sein, ohne dass irgendjemand etwas von dir will, ist es eine riesengroße Erleichterung.

Dass keiner etwas von mir will, das habe ich vorher organisiert. Und dass ich mich auch wirklich um mich kümmern kann dafür sorgt Adriaan, mein Achtsamkeitslehrer.

Ich wohne für 10 Tage ein Einzelzimmer, esse 3x am Tag wunderbares vegetarisches Essen, das mit unglaublicher Liebe zubereitet wird. So das ich denke, dass mein eigentlicher Lehrer in diesen Tagen der Koch sein wird, der Drumherum so viel organisiert und von früh bis spät für uns (12 weitere Teilnehmer) da ist.

Ich stehe gegen 5 Uhr auf und werde in aller Ruhe wach, genieße die Stille am Morgen und die Natur. Gegen 6.00 Uhr dürfen wir in Stille meditieren, ab 7.00 Uhr ist es Pflicht zu kommen.

Meistens versuche ich um 6.00 Uhr zu sitzen, die ersten Tage gelingt das nicht immer, da morgens mein Kreislauf echt Anlaufschwierigkeiten hat, aber dafür gibt es eine Lösung und die heißt Kaffee.

Und so sitze ich ab dem vierten Tag wach und ohne Schwindel um 6.00 Uhr morgens im Meditationsraum, in dem wir alle für so viele Tage viel Zeit verbringen werden. Ohne Kontakt mit den anderen, d.h. kein Augenkontakt, keine Höflichkeiten, kein Telefon, nix zu schreiben, nichts zu lesen.

Das ist ab dem fünften Tag der Stille eine echte Erlösung, so ganz bei sich anzukommen. Aber vorher ist es auch echter Gedankenterror. Nonstop bei dir sein ohne Ablenkung ist nicht immer lustig und da kommt eine Menge Wiederstand auf, warum z.B. sitze ich hier alleine und meine Familie fährt schön Ski in toller Natur und ist in einem super schönen Hotel.  2 Kindern die gerade viel Spaß haben ohne mich.  Bin ich komplett blöde, dass ich mir das hier antue? JA das sind einige wenige Gedanken am Tag 4 des Widerstandes, der sich aber nach ein paar Stunden des Beobachtens meiner Gedanken wieder von alleine auflöst. Nicht eintauchen in die Geschichten, die dir dein Geist erzählen will. Sondern den Atem beobachten. Die Übung, die mich von morgens bis abends diese 10 Tage begleitet ist ununterbrochenen Strom an Aufmerksamkeit aufzubauen – konkret geht das folgendermaßen:

  1. Den Ein-und Ausatem wahrnehmen
  2. die volle Länge der Ein-und Ausatmung wahrnehmen
  3. Den Körper wahrnehmen
  4. Wenn du irgendwo im Körper Anspannung spürst, entspanne den Körper

Mein Achtsamkeitslehrer ist die ganze Zeit mit uns und sehr aufmerksam. Sobald er merkt, dass etwas nicht so läuft bei dir, ist er da. Nicht viele Worte, aber die sind sehr wirksam. Die abendlichen Vorträge sind eine wunderbare Bereicherung aber die ersten Tage denke ich, dass ich einfach nur schlafen möchte so müde und fertig bin ich vom Nichtstun.

Ab dem Tag 5 geht das irgendwann wie von selbst mit dem Atem: sitzen, atmen, entspannen und in tiefe Konzentration eintauchen, dieser ununterbrochene Strom an Aufmerksamkeit. Viele Dinge werden sehr unwichtig, auch mein Geburtstag am Tag 8.

Ich wache morgens auf und freue mich, dass ich lebe und beobachten darf, wie ein neuer Tag anbricht, mit all der Schönheit, die die Natur zu Sonnenaufgang präsentiert. Die brennende Kerze am frühen Morgen rührt mich zu Tränen und kein Geschenk, das jetzt kommen könnte (es kommt kein offizielles bin ja im Schweigen 😀), ist schöner als diese tiefe Zufriedenheit in mir.

Und so dürfen wir am Tag 8 wenige Worte sprechen, um langsam wieder auf den Alltag vorbereitet zu werden. Denn wir alle wissen, dass der Alltag wieder kommt. Und was bringt die schönste Meditation, wenn du im Alltag diese Gelassenheit nicht präsent hast und vollkommen aufgeschmissen bist und doch wieder mit den Kindern ungehalten bist oder dich grundlos über irgendwelche Kleinigkeiten des Alltags ärgerst?  

Gemeinsam gehen wir am Tag 9 ein paar Schritte außerhalb des Hauses, wo wir all diese Tage meditiert haben um unseren Raum des Bewusstseins ganz bewusst wieder zu öffnen.

Ich erschrecke ein wenig, als ich meinen ersten Baum im Wald sehe. Er ist riesengroß und ich bin sehr beeindruckt.

So viele Tage habe ich versucht meine Augen wenig Schauspiel zu bieten, d.h. weitgehend war mein Blick gesenkt und jetzt das, dieser große Stamm und die Schönheit des gesamten Baumes.

Ich sehe außerdem ein Meer von Schneeglöckchen im Wald und könnte vor Freude laut schreien, aber so viel Stimme soll dann doch nicht sein. Aber mein Herz darf eine Extrarunde hüpfen.

Nach diesen Tagen des Schweigens habe ich noch ein paar Tage frei. Ohne Familie alleine zu Hause. Und dieses Ankommen in der normalen Welt fühlt sich ein wenig wie Jetlag an. Das normale Leben ist ja doch echt anders. Ich muss Autofahren, kochen, aufräumen und irgendwann auch wieder Kinder ins Bett bringen aber ich habe noch die Stille in mir und das ist das größte Geschenk meiner 10 Tage Schweigezeit.

Und das Beste ist, du musst nicht gleich 10 Tage schweigend meditierend verbringen um Stille in dir zu spüren, du kannst auch einfach mit wenigen Minuten anfangen und deinen Atem beobachten.

Wie das geht zeige ich dir gerne in der halbstündigen Mediation, immer dienstags oder etwas intensiver im achtwöchigen MBSR-Kurs.

Es lohnt sich versprochen – ohne viel Schnick-Schnack 😀